2004  /  Kunstforum 168, 2004

Joachim Brohm - Endindustriell

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Die blaue Aral-Uhr ist dort platziert, wo die Sonne stehen könnte: weit oben im Bild, nur wenig nach links aus der Bildachse gerutscht. Eine weiße Kreisfläche in einem hellblauen Quadrat, das gedreht auf einer seiner Ecken steht. Die Zeiteinteilung zeigt Fünf nach halb drei, in Hellblau auf weißem Grund. Das Bild insgesamt gibt eine Vorstadtsituation wieder, andeutungsweise eine Straßenkreuzung oder -abzweigung, an der, so scheint es, eine Wohngegend in eine Gewerbe-, eine Industriezone übergeht. Eine Hecke, drei aufragende Zypressen, dazwischen Strasse, Gehsteigpflaster, abgestellte Anhängerwagen. Ein hoher undurchlässiger Absperrzaun scheint ein Areal zu umfassen, dahinter steht ein einstöckiges, gedrungenes Querhaus vor dem hochaufragenden Verwaltungsgebäude der Firma Raab Karcher. Fünf nach halb drei, der Himmel ist blau, alles wirkt friedlich, die Welt scheint in Ordnung zu sein. Ein Idyll mit Fifties-Stimmung, eine Art „Heimat“ der Nachkriegszeit.

Das hochformatige Bild wurde 1992 aufgenommen, Ecke Hittorfstrasse / Neusser Strasse, am Rande von München. 2001 zeigt sich dieselbe Kreuzung anders. Alles scheint wegrasiert, dem Erdboden gleich. Baubrache gibt dem Bild den Grund, sehr hell, fast ausgebleicht staubig, da und dort wuchert Unkraut. Absperrgitter aus verzinktem Metall sind zu sehen, ein frisch geteertes Straßenstück, Rohrteile, Baumaterial, das ungeordnet herumliegt, ein Lucky-Strike-Lastwagen steht dominant im Bild. Wiederum herrscht schönes Wetter, das Bleichblaue des Himmels entrückt ihn in die Ferne.

Das schöne Wetter zieht sich weiter durch bis in die illustrierte, montierte, videoanimierte Vorstellung der Zukunft hinein. An zentralen Stellen aufgestellte Werbetafeln mit fotografischen Darstellungen, mit „Prospekten“, wie das Areal nach dem Umbau aussehen soll, zeigen den „Residential-Blick“: über den gedeckten Frühstückstisch auf der Dachterrasse, den begrünten Innenhof, hinaus Richtung Zentrum der Stadt. Oder sie bieten eine andere Perspektive, den „Dienstleistungs-Blick“: hinweg über die beidseits begrünte Autobahn auf große verglaste Stahlkörper, die sich dort wie Dominosteine entlang reihen und den Blick auf die beiden Bürotürme im Hintergrund lenken, die, wie einst die Aral-Uhr, alles überragen. Diese drei Etappen, diese drei Bilder oder Bildgruppen – vom „ursprünglichen“ Zustand im Endstadium, dem Kahlschlag und einer werblichen Zukunftsvision – sind die Klammer von Joachim Brohms elfjährigem Projekt.

Joachim Brohm (geb. 1955 in Dülken, Niederrhein; lebt und arbeitet in Leipzig) hat 1992 begonnen, auf diesem Industrie-Areal zu fotografieren. Damals hatte der Auszug der Industrie schon begonnen. Bei seinem Start sah er sich mit einer Mischung aus alter, neuer und temporärer Nutzung konfrontiert, mit Garagen, Werkstätten, aber auch mit der International Gospel Church, dem International Miracle Healing Center. Er fand noch intakte Strukturen vor, aber auch viel Ungenutztes, Halb- oder Ganzzerstörtes. Offensichtlich war eine Erosion im Gange. Und dieses Jahr, 2002, hört mit dem seinem Projekt auf, die Bebauung wird jedoch weiter gehen. Die Neubebauung eines Areals dieser Größe hat die üblichen Verzögerungen erfahren, und wirtschaftliche Einbrüche haben gerade den Bau der riesigen Officeblocks-Zeile mit den zwei Türmen in die Zukunft verschoben. Nach zehn Jahren zeigt sich „Die Parkstadt von ihrer sonnigsten Seite“ vorerst nur beim Wohnungsbau. Teile sind fertiggestellt, Teile stehen vor der Fertigstellung.

DIE ATMOSPHÄRE SPÜREN
Ein Projekt über eine gute Dekade – und Anfang und Ende, Ausgangspunkt und Ziel fehlen? Das korrekte Dokumentieren des Prozesses, die umfassende visuelle Chronik scheint demnach nicht Brohms zentrales Anliegen zu sein. Schauen wir genauer hin, was sich da zeigt, wie es dem Betrachter präsentiert wird und welche Bedeutungen sich allenfalls offenbaren:

Wir folgen einem einfachen Wechsel von Blickrichtungen. Aufsichten wechseln sich mit Ansichten ab. Aufsichten aus den höheren Bauten über die tiefer liegenden hinweg auf das Areal, hinunter auf die geparkten Autos, die Tankstelle, die Container. Dann fällt der Blick auf den fleckigen Boden, von Öl, Benzin und anderen Rückständen informell getränkten Asphalt. Und dann bieten sich Ansichten von allem, was sich dem Arealbegeher Brohm in den Weg stellt, was sich vor ihm auftürmt, was er in einer Ecke entdeckt: Herumliegende Reifen, abgestellte Autos ohne Nummernschilder, alte, rostende Anhängerwagen, durchlöchertes Blech, Schuhsohlen, Bürogeräte, niedergerissene Einrichtungen, liegengelassenes Material, leerstehende Räume und Raumfluchten, Baustellen-Konglomerat, Container-Städte für die Bauarbeiter, Zäune, Absperrgitter und Gerüststangen.

Die Aufsicht entrückt das Geschehen, lässt den Blick wie in einen Sandkasten, in ein „end-industrielles“ Forum romanum hinein fallen, und bietet dafür eine Art Übersicht, welche die größeren Formen und Formationen auf dem Areal hervorhebt. Die Ansichten rücken uns näher heran. Wir treten ein, sind da, dicht dran, „riechen“ ein wenig das Gelebte, Niedergerissene, spüren die Atmosphäre, die durch die verschiedenen Farbflächen und das Licht entsteht, gleiten durch das helle Kolorit der Bilder.

DEKONSTRUKTIVER BLICK
Der Blick trifft da zum einen direkt auf den Gegenstand, der Gegenstand dominiert die Fotografie, füllt sie manchmal aus. Aneinandergereiht wirken diese „Bilddinge“ wie Industrieskulpturen mit weichen oder harten Formen, geschlossene Körper, die durch die Entfunktionalisierung, durch das Abstellen, Lagern, Stapeln, Rosten und durch den Blick auf sie zu „unvoluntary sculptures“ werden, wie Brassaï eine kleine Reihe seiner Fotografien von Alltagsgegenständen in den Dreißigerjahren nannte. Dies sind Bilder mit einem Zentrum, einem Gegenstand. Je mehr die Umstrukturierung fortschreitet, desto weniger dieser Bilder gibt es, dafür verliert sich unser Blick in „Schau-Feldern“, die den Blick weniger führen als irritieren, die ihn öffnen, ihn leer laufen lassen, bis er sich selbst zu orientieren weiß, sich von einer Ebene zur nächsten, von einem Halt zum anderen „durch schaut“.

Joachim Brohm entwickelt hier eine Art von dekonstruktivem Blick auf die Baustelle, mit dem gegenteiligen Effekt eines Trompe l’oils: Wir sehen nicht mehr die deutliche, fast greifbare Illusion einer wirklichkeitsnahen, dreidimensionalen Darstellung (was Fotografie ja fast perfekt kann), vielmehr löst sich die Sicherheit, die Ruhe unseres Blicks in mehrschichtigen Überlagerungen, Verschachtelungen von Absperrgittern, Balkongittern, Gerüststangen und Drahtzäunen auf. Wir schauen hier nicht auf ein konkretes, fassbares Ding oder auf die Oberfläche irgendwelchen Materials, wir tasten nichts ab, vielmehr fällt der Blick auf und durch ein endloses Gewirr hindurch. Die Welt vor den Augen scheint sich aufzulösen, zu verschwimmen oder sich zu einem undurchdringlichen Gewirr zu verdichten. Ein „All Over“ entsteht, das den perspektivischen Halt teilweise aufhebt. Doch diese Auflösung wird nicht überzeichnet, im Gegenteil, sie kommt, unterstützt von einer zurückhaltenden leichten, luftigen Farbigkeit, die jede Schwere und Sättigung meidet, beiläufig, trocken, zurückhaltend, a-theatralisch daher.

DAS SICHTBARE ZEIGEN
Es offenbart sich mit der Zeit, dass Brohm seine Bilder nicht in herkömmlicher Weise mit Bedeutung, mit Sinn ausstattet, den wir Betrachter hinterher (hermeneutisch) erschließen können. Vielmehr arbeitet er ein wenig vergleichbar mit dem Begriff des offenen Romans in der Literatur. Er bietet uns eine Zeichenwelt an, in die wir Betrachter je mit unserer Sicht, unseren Gedanken über die großen Veränderungen im urbanen und im wirtschaftlichen Raum eintreten: wir und die Bilder formen gemeinsam den „Text“ des Werks. Brohm zeigt, benennt, gibt zu sehen – die Bedeutungen jedoch halten sich zurück, harren in Wartestellung, werden vom Betrachter aktualisiert, aufgerufen, formuliert.

Das groß angelegte Langzeitprojekt von Brohm dokumentiert in einer ersten Lesart die Veränderung eines Industriegeländes in ein postindustrielles, sogenannt höherwertiges Wohn- und Dienstleistungsareal; in zweiter Lesart spricht es von dauernder, andauernder Bewegung, Veränderung, in der wir uns befinden, vom Transitorischen, vom Fluss des Wirklichen, vom Kommen und Vergehen, vom Wandel aus den noch Werte und Halt versprechenden Fünfzigerjahre zum flexiblen, offenen, noch undefinierten und deshalb etwas haltlosen, wert-freien neuen Raum.

Und in dritter Lesart spricht es von Joachim Brohm als einem neugierigen Fremden in der Welt, der versucht, sehr aufmerksam und mit einiger Sorgfalt, ja Delikatesse das Sichtbare dieser Welt zu zeigen, auszubreiten, ohne es gleich auch „endgültig“ für uns verstehen zu wollen. Er tut dies fast stoisch, kehrt immer wieder an den „Tatort“ zurück, setzt wieder an, fährt fort – rhythmisiert so sein Leben, sein Werk in der Wiederholung. In dieser dritten Lesart ist die Reihe von Fotografien auch Spiegel einer meditativen Beschäftigung, eines Wiederkehrens, immer wieder Hingehens und Schauens – ein Beharren auf das Sichtbare. Und das ist gar nicht so wenig, wie Brohm lächelnd sagen würde.