2024  /  Visual Vertigo – Scenarios of Rapid Change, MAST 2024

Visual Vertigo – Scenarios of Rapid Change

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In the areas of work, production, trade, behavior, communication, commerce, the environment and the social system.

Ein gängiges Thema heute lautet: Die Vision vom globalen Dorf sei gescheitert. Der Mensch brauche Komplexitätsreduktion, weil er das News-Bombardement aus allen Kanälen nicht verarbeiten kann. Er müsse fokussieren und selektieren, um seine Aufmerksamkeit effizient zu verwalten und dem Burnout zu entfliehen. Doch die totale Verweigerung, die um sich greift, wirkt toxisch. Fehlende Neugier und Nichtwissen korrelieren stark mit Wahlabstinenz und mit dem Ausstieg aus dem zivilisierten Diskurs. „Sie fördern Verschwörungstheorien und überlassen das Feld Radikalen jeglicher Couleur. Sie lassen das Fundament einer freiheitsgarantie­renden Demokratie still und leise zerbröseln“.[1]

Das Thema, das uns hier – im Westen und zunehmend als Menschheit insgesamt – beschäftigt, ist eine gefährliche Kombination von Beschleunigung, Quantität und Komplexität, die uns Menschen nicht mehr nur fordert, sondern offensichtlich zunehmend überfordert. Ein Neurologe setzte neulich die Menge an Informationen, die wir heute täglich in unseren Hirnen verarbeiten, mit der Menge gleich, die ein Bauer vor tausend Jahren während seines ganzen Lebens zu bewältigen hatte. Die Menge alleine wäre jedoch vermutlich nicht ausschlaggebend, kombiniert mit Geschwindigkeit und Komplexität entwickelt sie sich hingegen zum Überwältigungsfaktor. In vielen Ländern Europas, das belegen Zahlen, sind über 40% der Bevölkerungen auf dem Weg zur totalen Medienabstinenz, der hergebrachten erklärenden, vermittelnden, ordnenden Medien. Damit einhergeht, unter vielem anderen, die wachsende Abstinenz von demokratischen Prozessen, gepaart mit einer steigenden Akzeptanz autokratischer Regierungsformen, die eine Vereinfachung – eben eine Komplexitätsreduktion – des Lebens versprechen. 

Wie ist es so weit gekommen? Schauen wir uns zwei Entwicklungsstränge an:

Seit der Industrialisierung, der Moderne, d.h. seit den letzten 250-300 Jahren leben wir in einer permanenten Revolution. Die Mechanisierung und Elektrifizierung haben zusammen nicht nur die Produktion und die Verteilung, den Transport, revolutioniert, sondern auch die Arbeitsformen- und strukturen, und damit ebenfalls unsere Lebensformen. Am 14. Januar 1914 führte Henry Ford das Fliessband sein. Zusammen mit seinem Mitarbeiter Charles E. Sorensen übertrug er die Idee der angetriebenen Transportbänder aus den Schlachthöfen, den sogenannten „disassembly lines“, in die Autofabrik. Aus „disassembly lines“ wurden „assembly lines“. [2] Schrittweise, und dann immer schneller und mächtiger, setzte damit der Weg zur Automatisierung der Arbeits-und Produktionsprozesse ein. 

Seit 40 bis 50 Jahren haben wir den Turbo, den Over Drive gestartet, die Schnellbahn in die Hochtechnologie, in die Digitalisierung, in exponentiell steigende Rechnungsleistungen. Im Augenblick sitzen wir alle, gefühlt, in einer Rakete, die eben gestartet ist. Ziel unbekannt. Zwischenstopp in sieben bis zehn Jahre. Dann wird der Globus, um ein Beispiel hervorzuheben, von 30.000 oder mehr Satelliten umgeben sein. Das Universum ist bis jetzt ein gänzlich gesetzloser Raum, ebenso die 100 Kilometer dicke Atmosphäre um uns herum. Das erlaubt Elon Musk, Jeff Bezos und einigen anderen, bei aufgehelltem Nachthimmel unsere Kommunikation nochmals dramatisch zu beschleunigen. Im gleichen Zeitraum werden KI und Tiktok (und nachfolgende Mediensysteme) das Training, die Arbeit und die Unterhaltung unserer Gehirne übernommen haben. Schreiben und Rechnen überlassen wir den Maschinen. Schriftliche Kommunikation wird obsolet, oder auf 10 bis 20 Zeilen schrumpfen. Lesen, denken und erinnern werden schwächeln. Zunehmen werden wohl weiterhin der Konsum und ebenso, die kommenden 4-5 Jahrzehnte noch, die Zahl der Konsumenten. Die Umwelt, die Natur wird sich immer vehementer wehren, jedoch vergeblich, wie es zurzeit aussieht, die Migration wird entsprechend, notwendigerweise, immer stärker werden. Auch im Metaverse verschwinden die Körper und ihre Bedürfnisse nicht. Ausser, der von Musk angestrebte letzte Flug auf den Mars wird Tatsache. Für wen eigentlich?

Erinnern wir uns, zweitens, an die Wahrheit, die es einmal gab. Wahrheit war lange in Stein gehauen. Die Zehn Gebote Gottes zum Bespiel – im Judentum das Herzstück der Thora und im Christentum die Hauptquelle der christlichen Ethik. Moses erhielt sie auf dem Berg Sinai, so heisst es in der Bibel, zweimal sogar, weil er aus Wut und Trauer darüber, dass die Menschen um das Kultbild des goldenen Kalbs tanzten, die ersten Tafeln zerschmettert hatte. Wahrheit war lange ein Singular. Es gab nur Wahrheit und Irrtum. Das Wort Gottes (je nach Weltgegend), Punkt. Erst mit der Gutenberg- Bibel, mit dem Buchdruck begannen die Bibelauslegungen, setzte die Diskussion über die Wahrheit ein, vervielfältigte sie sich zum Plural, zu Wahrheiten - zu Glaubenswahrheiten und dann, reduziert oder verlagert, zu faktischen Gewissheiten.

Mit der Aufklärung, der Moderne, der Ermächtigung der Menschen, der Erfahrung des Ich und der Anderen änderten sich die Orientierungs­richtungen. Keine vertikale, auf Gott hin gerichtete Orientierung mehr, sondern eine horizontale, offene, ausweitende. Der Blick in die Landschaft hinaus wurde bestimmend, die Eroberung der Weite, der Oberfläche, der Welt. Schrittweise begannen die Menschen die Erde zu besetzen, sie körperlich und geistig zu bestimmen,  sie mit ihren Ideen, Plänen, Wegen und mit ihren mächtigen Bauten, mit ihrem wachsenden Wissen zu zeichnen. Die Natur wandelte sich mit grosser Geschwindigkeit in eine gerichtete, vektorielle Landschaft. Wir Menschen prägen seit vier Jahrhunderten in steigendem Masse unsere Wahrheiten und Bedürfnisse in die Erdoberfläche ein.[3] 

Und heute? Heute verzetteln sich die Wahrheiten zusehends weiter. Tatsachenwahrheiten finden noch allgemeinen Zuspruch, oft jedenfalls. Sinn hingegen wird zunehmend etwas Privates. Und darüber, so die gegenwärtige Moral, kann immer nur jeder selbst über sich reden und urteilen. „Meinungen und Deutungen, die einst politische Wahrheiten bildeten, werden künftig sofort als Ideologien abgetan werden. Wahrheit ist damit nicht mehr an Sinn gebunden. Sie ist auf das Mass wissenschaftlicher Fakten zusammengeschmolzen.“ [4]

So lange die Prozesse der inneren und äusseren Entwicklung und ihre Verbreitung langsam vonstattengehen, lebensweltlich eingebettet, kann sich alles, können sich alle immer wieder arrangieren, neu ordnen und gemeinsam weiterentwickeln. Zu grosse Geschwindigkeit hingegen bei zu grosser Quantität und Komplexität fordern die Systeme, fordern und überfordern uns schliesslich auch. Wir begegnen heute den Veränderungen vieler Parameter, Veränderungen, die in Größe, Geschwindigkeit und Qualität so gewaltig sind, dass wir sie nicht mehr verstehen, zumindest nicht mehr adäquat darauf reagieren können. Meistens fühlen wir uns deshalb schwindlig, unsicher, verloren: Vertigo – in der Spannbreite von Unsicherheit, Unschärfe, Unklarheit und Schwindel – wird zum neuen Normalzustand. Viele von uns reagieren, siehe oben, mit radikalem Rückzug auf die Überforderung, andere brüllen ihre (privaten) Meinungen mit grosser, herrischer Kraft in die sozialen Medien. Beide leiden an einer Verengung des Blickfelds. Neulich standen Anselm Kiefer, der berühmte deutsche Künstler, und Hans Ulrich Obrist, einer der bekanntesten Kuratoren, im Louvre vor einem Selbstporträt Rembrandts, dessen Konturen und Formen verschwimmen und sich auflösen. Und Kiefer meinte: „So sei es mit allem auf der Welt gerade. Durch das Ansteigen der Meeresspiegel würden die alten Grenzen nicht mehr gelten, alles sei grenzenlos, verschwommen geworden.“[5]

Die Ausstellung „Visual Vertigo – Scenarios of Rapid Change“ vereint 29 VideokünstlerInnen und 35 Videoarbeiten, die sich auf viele unterschiedliche Weisen mit Veränderungen, Entwicklungen, mit dem rapiden Wechsel auseinandersetzen: in Arbeitsformen, Produktion, Handel, Verhaltensweisen, in der Kommunikation, der Konsumation, im Umgang mit der Natur und mit unserem Social Contract, unserem Gesellschaftsvertrag. 

Work and Manufacturing Processes

Inhaltlich starten wir mit dem Video von Chen Chieh-jen: Friend Watan, 2013. „System, Management, serial number, dust, skin, corrosion, people no longer listed, law, governance, department, escape, suffocation, assessment, anxiety, virus, efficiency, standard depression”: In der Mitte des Films spricht Watan diese Begriffe leise, aber mit klarer Stimme. Er hat vorher eine Art „verlassene Fabrik“ inspiziert, die für das Video installiert worden ist. In diese Fabrik ist er eingestiegen und wie durch einen Dschungel durch die Resten der Vergangenheit gestreift ist. Watan Uma ist ein Freund des Regisseurs. Chen Chieh-jen weiss von ihm wenig, ausser dass er 1999 die Fabrik, die Fabrikarbeit verliess und 2004 mit Performances einen Neustart wagte. Wir erleben in Friend Watan eine melancholische, geräuschhaltige visuelle Reise durch eine vergangene Fabrikzeit.

Wang Bing’s Video 15 hours ist ein “one single-shot documentary filmed in a centralized garment processing facility in China, which consists of 18,000 production units and employs some 300,000 migrant workers.”[6] Wang Bing zieht uns an einem einzigen Tag schrittweise in eine gigantische zeitgenössische, 2017 aufgenommene Industrielandschaft, hinein, in eine radikale “meditation on the contemporary meaning of work and the state of labor conditions in present-day China.”[7]

Ali Kazmas Tea Time (2017) wiederum thematisiert die Automatisierung von Arbeit, die Erhöhung der Geschwindigkeit in der Produktion von Glas. In 7 Minuten und 17 Sekunden verschmelzen in diesem 3-Channel-Video die Prozesse zu einem permanenten, rhythmisch strukturierten Flow. Kazma verführt uns hier mit der “cadence of automatic production lines”.[8] Das Video wurde in der Glasfabrik Paşabahçe aufgenommen, wo täglich eine Million Stück, darunter 300‘000 Teegläser, produziert werden.

In Anna Witt’s Video Unbox the future von 2019 diskutieren Arbeiter der Toyota-Fabrik in der japanischen Stadt Toyota einerseits über die Auswirkungen von Automation und KI auf den Wandel der Arbeit, eingeschlossen die Möglichkeit ihres Verlusts, und andererseits, ganzheitlicher, auch die Verschmelzung von Stadt und Fabrik, von privatem Leben und Arbeitsleben. Die Diskussion über den Sinn und die Zukunft der Arbeit wird visuell von pantomimischen Bewegungen untermalt, die Arbeitsbewegungen vor und nach den Automatisierungsschritten in eine individuelle und kollektive Choreographie einspeisen. Mit der Zeit unternehmen die Arbeiter auch Schritte einer möglichen Befreiung von Arbeit, indem sie in der Fabrik Musik spielen oder sich gegenseitig die Fabrikoveralls auf- und wegschneiden.

Simon Gush diskutiert in seinen vier Videos – After Hours (2013), Calvin and Holiday (2014), Lazy Nigel (2015), Without Light (2106) – die Bedingungen der Arbeit und Produktion, die Sichtbarkeit von Arbeit und Unsichtbarkeit, das Vorzeigen, dass man intensiv arbeitet, dass man überlastet ist, und – besonderes im Video Calvin and Holiday – diskutiert er die Arbeitsethik, die mit dem Calvinismus, fast zur Religion wurde. Wir sind da, wir existieren, um zu arbeiten, bedeutet das in der Zuspitzung. Alle vier Videos sind schwarzweiss und auffallend langsam gefilmt. Simon Gush wandert an Arbeitsstätten vorbei und denkt über das System Arbeit nach. Einzig in After Hours kommt er ohne Text aus, hier schwenkt er langsam durch ein Büro, eine Reihe von Büros, die nach der Arbeit still und leer werden, und filmt die Szenerie wie eine archeological site der Gegenwart. 

 

Trade & Traffic
Sky Sherwin schrieb im Guardian zu Cao Fei’s wunderbarem Video Asian One: „Die chinesische Künstlerin liefert eine surreale Sci-Fi-Romanze, die von Chinas Vergangenheit und der globalen Zukunft erzählt. Sie erfindet in ihrem Film Asia One von 2018 Chaplins Moderne Zeiten für die Ära der Amazon-Lagerhäuser neu. Anstelle von Maschinenzahnrädern und Fliessband wird in ihrer schönen neuen Welt nichts wirklich hergestellt. Die Produkte kommen in Kisten mit den Logos internationaler Marken, werden über Förderbänder transportiert oder in Metallregalen gestapelt. Dieses seelenlose Zentrum ist eigentlich eine Komposition, die an verschiedenen Standorten gedreht wurde, darunter das erste vollautomatische Sortierzentrum der Welt in der chinesischen Provinz Jiangsu. Die beiden menschlichen Bewohner des Lagers, ein junger Mann und eine junge Frau, haben stumpfsinnige Jobs - der eine scannt, der andere sitzt am Schreibtisch. Ob sie nun nebeneinander sitzen oder sich gegenseitig durch die Technik beobachten, sie sind sich natürlich fremd.“ [9] 
Doch dann wechselt der Film das Tempo, Tänzerinnen und Tänzer treten auf. Langsam rebelliert das Duo und stört den Raum mit scheinbar irrationalem, aber menschlichem Verhalten.
Global Trade und global Traffic bedeuten heute die Vernetzung und Überspannung der Erdkruste mit einem dichten Netz von Bewegungen und Handlungen, von analogen und digitalen Transporten, und zwar derart intensiv, bis gleichsam die Erdkruste bebt, die Luft flirrt, die Meere wogen und die Vögel ihre Richtung, die Fische den Heimweg nicht mehr finden, bis die Migration, der Transport von Waren, von Menschen, Pflanzen zum Normalzustand wird. Eine explosive Mischung der Verlagerung von Produktionsstandorten, eine spätkapitalistische Deliver-Explosion: „Deliver-Deliver-Deliver“ in der kürzest möglichen Zeit! Nebst Cao Fei thematisieren Kaya & Blank und Stefan Panhans/Andrea Winkler Trade & Traffic. Kaya & Blank in ihrem fast unheimlich ruhigen Video Intermodal (2023), gefilmt in den benachbarten Frachthäfen von Los Angeles und Long Beach. Wie in einem Ballett werden die Container angehoben, verschoben, abgesenkt, ausgeklinkt und erhalten so ihre neue Richtung, ihre finale Destination. Das Prozedere des Verladens, Entladens, Verschiebens scheint so präzise aufeinander abgestimmt zu sein, dass die Bewegungen der Container fast meditativ, beruhigend wirken. „Alles hat seine Ordnung und nimmt seinen ordentlichen Lauf“, liest sich das unsichtbare Mantra in „Intermodal“. Das Video, zu Beginn der Ausstellung platziert, wirkt wie die visuelle Baseline eines Songs, wie der Herzschlag der Ausstellung. Ganz im Gegensatz zur Hektik, zum Kampfgestus in Anima Overdrive von Stefan Panhans/Andrea Winkler, das schrille Rapp-Solo des Platform Capitalism, der Endauslieferung der Waren durch eine Fahrradkurierin, der Deliver-Deliver-Deliver-Schrei. Michel Rebosura schreibt dazu: „Wir blicken von oben herab auf eine klein wirkende Frau mit harter Mimik, die vor einem überdimensionalen Rucksack steht und zu rappen beginnt. (…) Die typische Gestik wird wiederholend auf kindliche und roboterhafte Bewegungen reduziert. Die breiten Schultern der American-Football-Rüstung lässt die Härten erahnen, die eine Fahrradkurierin zur Rush Hour erdulden muss. Es scheint, als ob die Figur aus dem Smartphone heraus uns Auftraggeber direkt ansprechen würde.“[10] Rebosura folgert daraus, das Duo formuliere eine Kritik der Gig- und Delivery-Economy und des Plattformkapitalismus, in dem wir selbst als Datenlieferanten zum Produkt werden. 

 

New Behavior

Die KünstlerInnen Nina Fischer/ Maroan el Sani schreiben: „With The Rise, we wanted to realize a film that shows the uncanny, the unforeseen, which lurks directly under the glossy surface of the modern environment. Moments in which the fragility of the layer of civilization is noticeable. (…) With this project we wanted to focus on the complex relationship between the visual language of a building, its psychological effects and the political-economic reality in which it functions.” Gefilmt haben sie in Zuidas, einer neuen Stadt im Süden von Amsterdam, die bis 2030 fertiggestellt sein soll. Belebt wurde die glänzende Oberfläche der neuen Architektur von einem Jungmanager, der atemlos immer höher steigen, aufsteigen will, der gleichsam sein Leben rast- und restlos für den versprochenen Aufstieg zu opfern scheint. Nur um schliesslich zu erfahren, dass schon jemand „oben“ steht. 

Gabriela Löffel beschäftigt sich in ihrem Video Performance (2017-2018) mit einer Art Versuchsanordnung. Wir verfolgen Auftrittsproben eines jugendlichen Redners, der von einer Fachfrau gecoacht wird. Sie versucht seinen Auftritt so zu optimieren, dass seine Rede überzeugend, gewinnend, vielleicht sogar „siegreich“ rüberkommt. Dieser Übung zur Auftrittskompetenz liegt die einführende Rede eines CTO (Chief Technology Officer) einer amerikanischen Homeland-Security Firma zu Grunde. Der Sprecher beschwört die Wachstumschancen seiner Branche angesichts des zunehmenden Bedarfs an sicheren Zäunen, Videoüberwachungen und anderen Formen der Abwehr an nationalen Grenzen.“[11] Damit die Auftrittsversuche möglichst echt rüberkommen, filmt Löffel eine Versuchsanordnung, in der der Redner tatsächlich in echt übt. Sigrid Adorf folgert, dass es sich um ein Stück handelt, „das mit dem Modus ‚as if ‘ operiert und durch mehrere Eingriffe und Verschiebungen eine Unschärfe in der Inszenierung zwischen Echtheit und Fiktion erzeugt“. Ein Spiel mit den „Elementen des Wirklichen im Sinne einer Versuchsanordnung“.[12]

Ein Arzt empfiehlt der Figur in Sven Johnes Film: Take the long way home (2016), wenn er sich verspannt, überarbeitet, überfordert fühlt, wenn er eine Woche lang kaum geschlafen hat. Er soll dabei einen Lullaby singen, und er werde anschliessend wie ein Baby schlafen. Wir verfolgen 10 Minuten lang einen schmerzlichen Zwiespalt: Wie der Fahrer von World News bombardiert wird (Legenden von World Press Photographs 2001-2015) und sich mit Singen gleichzeitig gegen den endlosen Informationsfluss und gegen das Einschlafen wehrt. Verwirrung, Konfusion, Ertrinken in der Komplexität und Fülle der Information wird in der nächtlichen Autofahrt manifest.

Pilvi Takala’s The Stroker (2018) is a two-channel video installation based on Takala’s two week-long intervention at ‘Second Home’, a trendy East London coworking space for young entrepreneurs and startups. During the intervention Takala posed as a wellness consultant named Nina Nieminen, the founder of cutting-edge company Personnel Touch who were allegedly employed by Second Home to provide touching services in the workplace. Nina strolled around Second Home being friendly to everyone, greeting and lightly touching people as she passed them by. It gets the office talking, workers gossip amongst themselves, visibly bonding over a common confusion – she was nicknamed ‘The Stroker’.”[13]

Die Reaktionen der Mitarbeiter waren sehr unterschiedlich, einige reagierten kaum, andere lächelten, empfanden die Berührung als angenehm, dritte wiederum reagierten empfindlich, unangenehm berührt, von aussen in ihrem Körperraum angegriffen. Unsichtbare Schwellen und Grenzen werden so sichtbar gemacht, die sonst im Verborgenen bleiben und sich nur in Stimmungen manifestieren.

Pauline Oltheten’s Video “Kapitalism” liest sich wie die Antithese zum Hassle, zum rasenden System, in dem wir alle stecken. Die Bank mit der gespreizten Inschrift „Kapitalism“ wird zum Haltegriff für Ausgemusterte, Ausgespuckte, für Menschen die qua Stellenverlust oder qua Alter ihren Job, ihre Arbeit, ihren  Sinn vielleicht auch verloren haben, und hier nun ihren gebrechlichen, alternden Körper sanft in Bewegung setzen, langsam trainieren. Und für uns wird die Bank zum Fernrohr, zur Aussicht, die uns erinnert, die uns mahnt, was denn das alles soll, das uns jede Sekunde gerade so wichtig, so zentral und unumgänglich erscheint.

 

Communication

Pilvi Takala’s Stroker passt auch gut in das Thema der Kommunikation. Der Wunsch nach Berührung, die Vorstellung, MitarbeiterInnen mit Berührungen zu fördern, zu lenken, hängt unmittelbar mit unseren Abschottungen, mit unseren neue digitalen Kommunikationen und Freundschaften zusammen.

Die Heldin in „If you didn’t choose A, you will probably choose B“ von Ariane Loze, eine aktive Mittdreissigerin in einem Anzug, wird immer wieder analysiert – und zwar von „lebendigen“ Algorithmen, personifizierten "Nullen" und "Einsen" in schwarzen und weißen T-Shirts, deren künstliche Intelligenz kommerziellen Zwecken dient, ausspioniert und aufgespürt. Alle Protagonisten, die von der Künstlerin selbst verkörpert werden, wandern durch die Straßen eines verlassenen und wie Science-Fiction wirkenden Paris.
„Das Werk enthüllt“, schreibt Anne Dressen, „wie unsere Daten ohne unser Wissen (durch Matching), je nach Geolokalisierung und Vorlieben von Datenhändlern (Facebook, Google, Tinder und andere Dating-Apps, sowie Deliveroo, Spotify, Youtube oder Amazon) ausgetauscht und weiterverkauft werden.“[14]
Profitability (2017), das zweite Video von Ariane Loze, ist eine Satire auf die Arbeitswelt. Darin wird ein Vergleich zwischen dem künstlerischen Werk und dem kommerziellen Produkt vorgeschlagen, der die Unterschiede zwischen den jeweiligen Produktions-, Vertriebs- und Kommunikationslogiken verwischt.“[15]
Wir meinen zu Unrecht, dass in den Sozialen Medien Posts mit aggressiven, schrecklichen Texten und gewalttätigen oder pornographischen Bildern von maschinellen Filtern und KI gelöscht werden. Das meiste wird vielmehr von schlecht bezahlten Menschen angeschaut, gelesen und beurteilt. In dem anonymen Hochhaus in Manila, das wir gleich zu  Beginn des Videos Praying for my haters (2019) von Lauren Huret sehen, gehen hunderte, tausende von Content Managern, vertraglich zu Stillschweigen verurteilt, dieser höchst quälenden Tätigkeit nach. Eine Stimme aus dem Off beschwört ebenso leise wie eindringlich das Schreckliche an dieser Form der Kommunikation und ihren Folgen, sie kritisiert den Bilder-Fluch, der so über uns hereinbricht, als „die verborgene Seite unserer Schrecken und Irrtümer“. Mit der Zeit wird das Hochhaus von grossen Menschenmassen durchdrungen, die an einer christlichen Zeremonie und Feier teilnehmen. Manila ist seit den Portugiesen christlich geblieben. Daher rührt wohl auch die im Titel gespiegelte Haltung, die kaum in anderen Religionen zu finden ist: Praying for my haters. Ähnlich radikal wie es bei Matthäus 5,39 heisst: "Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Bösen, sondern: Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar."[16] 
Stefan Panhans 7-10 Millionen (2005) thematisiert einerseits die Qual der Wahl in einer vom Konsum gleichsam durchdrungenen, in der Wolle gefärbten Gesellschaft und andererseits die damit verbundene Kommunikation. Der Kopf des Käufers im Video ist voll mit Informationen und Werbetexten, entsprechend versucht er – rasend, verzweifelt – im Vorfeld des möglichen Kaufs falsche von richtigen, nichtige von wichtigen Infos zu unterscheiden – bis er fast abzuheben scheint.
Neighbour Abdi (2022) heisst der Film, den Douwe Dijkstra zusammen mit seinem Nachbarn Abdiwahab Ali drehte. „How can you understand a violent past?”, schreibt Dijkstra, “Somali-born Abdi is furniture designer and support worker. He reenacts his life, marked by war and criminality, with the help of his neighbour and filmmaker Douwe. By means of playful reconstructions in a special effects studio, Abdi and Douwe embark on a candid and investigative journey through a painful history, focusing on the creative process throughout.” Der Film gibt als theatralischer, inszenierter Dokfilm zu erkennen, dass es mit offener und ehrlicher Kommunikation sogar möglich wird, eine scheinbar hoffnungslose Situation zu überwinden. Aber vermutlich immer nur durch direkte, anteilnehmende Kommunikation. 

Für The Bots (2020) haben Eva und Franco Mattes mit dem investigativen Journalist Adrian Chen und den Schauspieler:innen Irina Cocimarov, Jesse Hoffman, Jake Levy, Alexandra Marzella, Ruby McCollister und Bobbi Salvör Menuez zusammengearbeitet. Sie präsentieren anonyme Zeugenaussagen von Content-Moderator:innen, die in Berlin für Facebook gearbeitet haben. 

Eva & Franco Mattes machen in ihrer Arbeit The Bots explizit darauf aufmerksam, dass kritische Inhalte in großen Mengen von Individuen gesehen und bearbeitet werden. Im Fall von Crowdsourcing-Arbeitsvermittlung wissen Content-Moderator:innen oft nicht für welche Firmen sie arbeiten. Sie werden von sogenannten contractors angestellt, die zwischen Tech-Giganten wie Google, Meta, Youtube, Twitter und den Arbeitnehmer:innen vermitteln. Somit wird die Anonymität der Firmen gewahrt, deren rechtliche Verantwortlichkeit minimiert und dank einer Verschwiegenheitserklärung geschützt. Eva & Franco Mattes erzeugen mit der gewählten Ästhetik einen bewusst harten Bruch zu den Inhalten. Sie nutzen die Inszenierung von Make-Up-Tutorials für ihre künstlerische Arbeit. Um Zensuren zu umgehen, werden politische Inhalte getarnt.[17]

Kommunikation ist zentrales Thema von heute und morgen. Wir müssen dafür kämpfen, dass wir die Kontrolle nicht verlieren, sondern wieder gewinnen. Dafür brauchen wir die Möglichkeit, die Quellen, die Machart und den Versandkanal zu prüfen. Sowohl bei Text- wie bei Bildkommunikation.

Natural Environment
1972 fand die UNO-Konferenz über die menschliche Umwelt in Stockholm statt. „Hier wurde zum ersten Mal darauf aufmerksam gemacht, dass zu einer dauerhaften Verbesserung der Lebensverhältnisse aller die natürlichen Lebensgrundlagen erhalten bleiben müssen und dass, um dies zu erreichen, eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit nötig ist. Dabei wurde der Schwerpunkt auf die Lösung von Umweltproblemen gelegt, ohne jedoch die sozialen, wirtschaftlichen und entwicklungspolitischen Aspekte zu vergessen. Im gleichen Jahr wurde vom Club of Rome der Bericht «Grenzen des Wachstums» herausgegeben, welcher im Kontext der Stockholmer Konferenz und der Erdölkrise Anfang der siebziger Jahre enorme Beachtung fand.“[18] Das ist nun mehr als fünfzig Jahre her. Alles, was damals, vor allem im Bericht des Club of Rome aufgeführt wurde, kam weit schneller als erwartet. Das Klima treibt uns schnell und heftig vor sich her, während wir dem Klima mit Kohle, Öl und Gas einheizen. Ein gefährliches Dilemma.
Zehn Jahre nach dem Atomunfall in Fukushima, Japan erinnert die Videoarbeit Contaminated Home (2021) von Nina Fischer/Maroan el Sani an dessen Folgen. Der Film besteht aus Fotografien einer japanischen Familie, die nach der Atomkatastrophe am 11. März 2011 gezwungen war, ihr Haus, 23 km vom havarierten Kernkraftwerk entfernt, zu verlassen. Nach der Selbst-Evakuierung nach Kyoto kehrt die Familie regelmäßig mit einer Fotokamera und einem Geigerzähler in ihre Heimat zurück, um die Transformation des Ortes zu dokumentieren und die Strahlung zu messen. Fischer el Sani haben die Besuche des kontaminierten Zuhauses der Familie in fortlaufenden Gesprächen dokumentiert. Die über Jahre gesammelten und zu einem Film montierten Fotografien vom Haus werden durch dessen manifestierte Unbewohnbarkeit zu einem verstörenden filmischen Familienalbum eines Lebens im Stillstand.[19]

As a multimedia video, sound and space installation, Dominique Koch’s Sowing the Seeds for the Future (2020) “weaves three narratives into a ‘science-fictional poetry’. The film shows images from the research institute ICARDA (International Center for Agricultural Research in the Dry Areas), whose research program and data collection in Aleppo, Syria, was threatened with destruction due to the ongoing war. They are interwoven with a conversation with the natural philosopher Andreas Weber, who deals with the idea of unconditional reciprocity and paraphrases this with the concept of “edibility”. In addition, another fictional voice conveys the perspective of the stored seeds.” [20] 
ICARDA besitzt eine der weltweit grössten Sammlungen von alten bzw. wilden Saatgutsorten, welche sie kontinuierlich anpflanzt und archiviert. ICARDAs Forschungsziel ist es, Hungerkrisen als Folge von Dürren und anderen Katastrophen vorzubeugen. Das Video von Dominique Koch beschäftigt sich einerseits konkret mit Fakten, mit gegenwärtigen Sachlagen und mit vergangenen Szenarien. Andererseits finden darin Gedankengänge statt, die sich mit der Zukunft des Planeten auseinandersetzen, mit dem Verhältnis von uns Menschen zu unserer eigenen Natur, wissenschaftlich, politisch, philosophisch, poetisch. Den Rhythmus gibt das Aussortieren von Samen vor.

Lucy Beech betreibt rigorose Forschung und kreiert spekulative Fiktion. Ihrem Denken und Wesen gemäss liesse sich das wohl auch umkehren in spekulative Forschung und rigorose Fiktion. Nicht dem blossen Spass, der blossen Lust wegen, sondern dem Wunsch nach voll Eintauchen und ganz Aufbrechen. Auf dem Weg zu mehr und neuem Wissen, zu mehr und heftigerer Intensität. Der Weg zum Himmel führt durch den Abfall, derjenige zum Geist durch Körperflüssigkeiten. Im hier gezeigten Film „Flush“ porträtiert Beech eine intersexuelle Kuh, die keine Milch gibt, unfruchtbar, also landwirtschaftlich nutzlos ist. Dafür wird sie zum assoziationsreichen Ausgangspunkt, filmessayistisch, soundessayistisch, sprachessayistisch über biologische Geschlechterausdifferenzierung und -umwandlung sowie entsprechende endokrinologische Forschungsergebnisse zu reflektieren. Lucy Beech kreiert eindringliche, lustvolle poetisch-wissenschaftliche Filmkunst, die sich höchst anregend vermittelt. 

„Das wasserreichste Gebiet der Erde erlebt die schlimmste Trockenheit seit Beginn der Aufzeichnungen. Ökologen warnen, dass der Amazonas austrocknen könnte - und dann selbst zur Gefahr für das Weltklima würde.“ Die Nachricht in der Tagesschau des Ersten Deutschen Fernsehens vom 8. November dieses Jahr ist der schmerzvoll richtige Einstieg in Broken Spectre von Richard Mosse (Kamera: Trevor Tweeten, Ton: Ben Frost). Nach den radikalisierten Abholzungen des Regenwalds (und der Demokratie) unter Bolsonaro nun der Angriff der gestörten Natur selbst. „Bolsonaro kam 2018 an die Macht und förderte die Abholzung im großen Stil. Als die Trockenzeit 2019 einsetzte, gab es eine riesige Menge an Brandrodungen - und wir beschlossen, dass dies vielleicht unser nächstes Projekt sein könnte, und wir beschlossen, nach Brasilien zu gehen", sagt Mosse, der seit ein paar Jahren immer wieder in den Regenwäldern Lateinamerikas arbeitete.

Auf der einen Seite sieht man Aufnahmen von der Zerstörung des Waldes aus der Vogelperspektive, auf der anderen - in schwarz-weißem Breitwandformat - sehen wir Menschen beim Fällen von Bäumen, beim Reiten und bei der Arbeit in einem Schlachthof, und wir besuchen die Dörfer der Yanomami. Auf der dritten Leinwand sind tiefe Nahaufnahmen des Waldbodens zu sehen, die in brillanten, multispektralen Farben aufgenommen sind - es sieht fast so aus, als würde man Zellen durch ein Mikroskop betrachten. 

Broken Spectre kann man nicht nur sehen, sondern auch fühlen. Der Klang des in Island lebenden Australiers Ben Frost wandert den Boden entlang und steigt in unsere Körper. Frost hat einen Tonrekorder an Bäume geschnallt, die gerade gefällt werden, und mit Hilfe von Ultraschallmikrofonen den Klang von Insekten eingefangen, die wie Motorsägen klingen. „Das Gehirn ist bis zum Zerreißen gespannt, um die Bilder auf der 20 Meter langen Leinwand zu verarbeiten.“

Social Contract
Julika Rudelius untersucht in ihren Videos oft menschliches Verhalten und darin versteckte soziale Machtstrukturen. Meist jedoch in Innenräumen. Die ausgestellte Videoarbeit The only reason … (2019) hingegen entstand im Aussenraum, in östlichen Zentrum von Los Angeles, der Skid-Row-Gegend, und zeigt Aussenraum, Strassenzüge. Die Arbeit entstand während eines Aufenthalts in Los Angeles, als Rudelius neben einem Drogendealer und in der Nähe einer Methadonklinik wohnte. Sie bemerkte schnell, dass die einzig sichtbaren Menschen in ihrer Umgebung entweder Obdachlose sind, die auf den Bürgersteigen in Zelten leben, oder Drogensüchtige auf dem Trip. Gebaute Architektur, unerschwinglich für viele, davor Zeltstädte entlang der Mauern, und davor wiederum Limousinen, ein teurer Wagenpark, der durch die Strassen gleitet. Oder Tiefgarage, bewachter Parkplatz, Zeltstadt und Strasse. Die Kamera gleitet ruhig, aber fast ohne Halt durch die Strassen, Blick immer nach rechts, von der Strasse auf den Gehsteig, Einzelblick, Doppelblick, Trippleblick, und Verschiebungen in Splitscreen-Technik, Rhythmisierungen der Fahrt, des Blicks. Die Gesellschaft ist radikal zweigeteilt, kein Schutz für die Besitzlosen. Der Neoliberalismus hat die Menschen weit auseinandergerissen.
2014 veröffentlichte Melanie Gilligan den Film „The Common Sense“. Er ist im Stil einer Miniserie konzipiert, mit 15 Folgen. Gilligan nutzt Drama und Fiktion zur Auseinandersetzung mit sozialen, politischen und wirtschaftlichen Themen. Sie untersucht die Gefahren des Gemeinsamen und Kollektiven. Dafür ersann sie eine fiktive Technologie mit dem einfachen Namen „Patch“, die es ermöglicht, die Emotionen anderer Menschen direkt zu erfühlen. Wie eine Pastille wird sie im Gaumen platziert und ermöglicht dann eine emphatische Verbindung zu anderen Personen, die es erlaubt, deren Gefühle wahrzunehmen und nachzuempfinden. In dem Zukunftsentwurf von Gilligan existiert diese fiktive Technik, die in ihren Prinzipen an eine Gefühlsökonomie bereits heute existierender sozialer Netzwerke erinnert, bereits seit zehn Jahren. In dieser Zeit hat sich das Verhältnis zwischen Individuum und Kollektiv maßgeblich verändert. In der kapitalistischen Welt wird die Erfindung dazu genutzt, um Arbeiter auf eine profunde Art zu kontrollieren. So benutzt etwa ein Manager die Übertragung von negativen Energien auf Mitarbeiter, um deren Produktivität zu steigern. Der Film stellt dem Zuschauer diverse Fragen: Wie würde die Welt aussehen, wenn es die individuellen Bedürfnisse des Einzelnen nicht gäbe? Was passiert in unserer Welt, in der Menschen vor allem durch Kapital verbunden sind, wenn wir Emotionen unmittelbar teilen könnten? Man könnte das Wort common im Filmtitel auf zwei Weisen verstehen, zum einen die Gemeinschaft der menschlichen Gesellschaft, zum anderen die Gesamtheit des Kapitals.[21] 

Der Social Contract wurde in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mehrfach gebrochen. Ein zentraler Grund dafür ist die „Entwertung“. Das Buch “A History of the World in Seven Cheap Things: A Guide to Capitalism, Nature, and the Future of the Planet” von Raj Patel (Ökonom) und Jason W. Moore (Historiker) widmet sich in sieben Kapiteln jeweils einem Aspekt dieser Entwertung der Welt: Natur wird ebenso entwertet wie Geld, Arbeit, Pflege, Nahrung, Energie und Leben. Mit dem einzigen Ziel, die Gewinne von Wenigen zu maximieren. So eindrücklich wie umfassend schildern die Autoren, dass die Krisen unserer Zeit in Wirklichkeit eine einzige grosse Krise sind und dass diese einen langen Vorlauf in der Geschichte hat. „Wenn heute billige Arbeitskräfte billige Chlorhühnchen zu billigen Chickenwings verarbeiten, dann ist das“, wie sie exemplarisch schildern, „ein zerstörerisches Wirtschaftsprinzip, das sich über Jahrhunderte herausgebildet hat.“[22]

 

Einwurf

Durch die Ausstellung hindurch tauchen sieben Mal kleinere Bildschirme auf. Darauf sind Videos zu sehen, die als Kommentare zu lesen sind, als Kommentare des Weltgeschehens, der Weltverfassung, des Weltzustands, aber gleichzeitig sind sie auch Einwürfe zur Ausstellung selbst. Vier davon stammen von Simon Dybbroe Møller, aus seinem Projekt What Do People Do All Day, (2020-22). Er lässt sein Projekt so erklären: “Simon Dybbroe Møller’s adaption of Richard Scarry’s iconic 1968 children’s book What Do People Do All Day replaces the original’s drawings of cute anthropomorphized animals doing people-things in industrious and purposeful Busytown with real life neurotic humans operating in the skizophrenic landscape of post-capitalism. Here app-based gig economy occupations rub shoulders with vocations that seem weirdly anachronistic. We are reminded of how much remains unchanged, how we still fix the sewers, serve meals, cut down trees and drive trucks. We are taken on a journey from the idealistic “everybody is a worker” of Busytown to todays techno capitalist “everything is work”.”[23] 

DIS, an American collective, kreierte mit Circle time ein Programm, in dem das Schwierigste überhaupt versucht wird, nämlich Kindern die Eigenschaften und Probleme der Welt zu erklären. Babak Radboy erklärt im Video „Money with Babak Radboy“ kleinen Kindern die Rolle von Geld, von Arbeit, vom Kapitalismus. „You’ve got to spend money to make money — and nothing is better at making money than money itself. Paid for our time and spending our time to get paid, wage labor is a self-perpetuating exploitative machine, turning our bodies into profit machines that fuel the accumulation and consolidation of wealth for the very few of the managerial class. (…) Explaining the ruthlessness of capital to children, Babak Radboy peels away the skin of our society to reveal the skeleton of money propping it up and proposes a brave new world where money breathes along with us.”[24]

DIS kreierte auch das Programm PSA, Public Service Announcement, das nichts anderes zum Ziel hat, als schnell und genau zu informieren: “In this era of mass confusion and delusion it’s important to keep the facts straight. Beginning with the mass deception that led to the financial crisis, these PSAs offer clarity in an increasingly opaque world. Nr. 1 is “ A Good Crises”: After the global housing collapse there was the rare opportunity to revolutionize or at the very least regulate the economic world order that had just wiped out 50 years of middle class wealth gains. But now that Wall Street has taken away the one form of wealth middle class Americans had, their homes, they want to become your landlord. No more safety net, there is now a network of temporary homes, forcing renters into a state of perpetual social insecurity.” Mit der scharfen Folgerung: “You wanted an economic revolution? We’re in one – just not the one you wanted.”[25]

The Biennal of Sydney präsentierte Will Benedicts All Bleeding Stops Eventually (2019) mit diesen Worten: “In All Bleeding Stops Eventually (2019), the artist presents us with six scenarios, in which near-extinct animals, the sun and the moon are given the power of human speech, addressing us directly to talk about the relationship that we humans have with nature. A polar bear talks about the melting ice caps, while a puffa fish tells us that oceans themselves have opinions. Across each of these scenes, we are implored to understand ourselves as a part of, not as separate to nature. We learn that many of the solutions we have invented to rescue the planet from ecological degradation are still in service of a future that centers humans and their continued domination over the natural world.”

Damit schliessen Text und Ausstellung.

 

 

 

 

 
[1] Mit Gedanken von Beat Balzli, Chefredaktor, Editorial, NZZ am Sonntag, 12. November
[2] 14. Januar 1914 – Henry Ford führt das Fließband ein » AutoNatives.de (12. November 2023)
[3] Heute stehen wir, wie Paul Virilio es in den 1990er Jahren formulierte, „an der Schwelle einer neuen «Stadt des Lichts» im Zeichen der Elektro-Optik und Elektro-Akustik, die die alte «Stadt der Materie», die ja ihrerseits die Dörfer und ländlichen Siedlungen verdrängt hatte, ablösen wird. Die VIRTUELLE STADT, die letzte der Städte, ist so gesehen keine präzise situierbare urbane Entität mehr, sondern eine METASTADT... .“ 
[4] Jan Söffner ist Professor für Kulturtheorie und Kulturanalyse an der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen. In NZZ -  https://www.nzz.ch/feuilleton/wahrheit-in-einer-welt-der-fakten-ist-sie-nicht-mehr-wichtig-ld.1679292
[5] Zitiert nach: Hans Ulrich Obrist: Wie Betrachten neue Meister alte Meister? Kolumne in Das Magazin, , Nr. 50, 16 Dezember 2023, Seite 31
[6] https://artsandculture.google.com/asset/15-hours-wang-bing/OAEXOCrRMuR7kA
[7] https://artsandculture.google.com/asset/15-hours-wang-bing/OAEXOCrRMuR7kA
[8] Ali KAZMA — Analix Forever
[9] Skye Sherwin Fri 31 Jul 2020 11.00 CEST Cao Fei’s Asia One: human behaviour | Art and design | The Guardian
[10] Michel Rebosura in: https://2023.jurierungen.aargauerkuratorium.ch/project/andrea-winkler-stefan-panhans/
[11] https://loeffelgabriela.com/performance/
[12] Sigrid Adorf: „Elemente des Wirklichen im Sinne einer Versuchsanordnung“ – Gedanken zu einem

künstlerisch- kulturanalytischen Experimentalverständnis. Zit. nach file:///C:/Users/ursst/Downloads/Elemente_des_Wirklichen_im_Sinne_einer_V.pdf
[13] Zit. nach Pilvi Takala — The Stroker
[14] Anne Dressen, zit. nach https://www.arianeloze.com/If-you-didn-t-choose-A-you-will-probably-choose-B-1
[15] Florian Gaité, zit. nach https://www.arianeloze.com/Profitability
[16] Zit. nach Matthäus 5,39 | Lutherbibel 2017 :: ERF Bibleserver
[17] Beschreibung mit Hilfe der Ausstellungsbeschreibung des Frankfurter Kunstvereins, wo Eva und Franco Mattes im Sommer 2023 eine Ausstellung zeigten. Zit. nach: The Bots, 2020 | Frankfurter Kunstverein (fkv.de)
[18] 1972: UNO-Konferenz über die menschliche Umwelt, Stockholm (admin.ch)
[19] Contaminated Home | Nina Fischer & Maroan el Sani (fischerelsani.net)
[20] Thea Reifler and Phila Bergmann, zit. nach: Sowing the Seeds for the Future – Dominique Koch
[21] Zit. nach https://de.wikipedia.org/wiki/Melanie_Gilligan#The_Common_Sense und nach https://www.fkv.de/koerper-ich-melanie-gilligan/
[22] https://www.amazon.de/Entwertung-Geschichte-sieben-billigen-Dingen-ebook/dp/B07CV42Q9P/ref=sr_1_2?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&crid=208O64N2LSCNN&keywords=Raj+Patel+Jason+W.+Moore&qid=1703869440&sprefix=raj+patel+jason+w.+moore+%2Caps%2C74&sr=8-2
[23] Simon Dybrroe Möller, Intro, offered by the artist.
[24] https://dis.art/series/circle-time
[25] https://dis.art/series/public-service-announcement